Neue Herausforderung: Aufhören

First and Only Ironman

Lange habe ich nachgedacht, was ich über den IRONMAN AUSTRIA als größte sportliche Herausforderung meines Lebens schreiben soll. Immerhin wagte ich die naive Kampfansage, auf Anhieb die Hawaii Quali zu packen, um dann mit dem Wettkampfsport aufzuhören. Das mit dem Aufhören ist alles andere als einfach für mich, daher die Verzögerung dieses Berichts.

Natürlich will ich diese Momente während der 9 Stunden und 31 Minuten nicht verheimlichen. Momente in denen ich zweifelte, Momente in denen ich lachte, Momente in denen ich kämpfte.

Schon diese völlig chaotische Vorbereitung mit Rennrad durch Australien inkl. Horrorcrash. Ein Wunder, dass ich top fit und ohne Verletzungen an den Start ging – vielleicht sogar ein Privileg mit Blick auf die vielen Leute in meinem direkten Umfeld, die mit Verletzungen zu kämpfen haben.

Beeindruckt bin ich ja schon von mir selber, dass ich in keinster Weise daran gezweifelt habe, die 9 Stunden zu knacken. Als dann im Rennverlauf die Abweichung vom Ist- und Sollwert immer größer wurde, hielt ich trotzdem an einem Konzept fest immer weiter zu machen – bis zum Schluss !

Bevor ich mich hier verliere zurück zu den Momenten 😉

3,8 km Schwimmen

Das ging ja schon mit dem Startschuss los. Als ich ins Wasser rannte, die Schwimmbrille noch oben war und der Anzug nicht richtig zu, dachte ich nur „Prima Start“, um 225 km schwimmend, radelnd und laufend zu bewältigen. Nächster Gedanke mit einem Lächeln: „Gut, dass ich genau das (Vorstart-Routinen und Vorbereitung auf wichtige Prüfungen/Meetings) immer wieder mit meinen Klienten und Athleten trainiere.“ Aus strategischen Gründen war mir der Start mit den Top Schwimmern sehr wichtig. So wichtig, dass ich prompt alles andere vergaß 😀 Ich war so froh, dass Flo noch unmittelbar vor dem Start bei mir war und mich etwas beruhigte.

Schon wenig später der nächste Moment. Die letzten 800m wurden im Lendkanal zurückgelegt. Dass dieser so flach war (oder ich so groß?), veranlasste mich spontan dazu illegalerweise im Kanal zu laufen. Es sollte nicht die letzte Regelwidrigkeit bleiben…

War ich zwar nicht wirklich schneller dadurch, konnte Torben dafür diesen tollen Moment festhalten 😀 (s. Bild)

180 km Rad fahren

Nun gut, spannend sollte es erst wieder beim Marathon werden. Doch dann bei KM 80 fuhr ein Zug von ca. 15 Fahrern an mir vorbei, wo ich dummerweise drauf sprang. Die nächsten 40 KM wurden mir dann zum Verhängnis. Ich stand unter ständiger Alarmbereitschaft: Abstand einhalten (12m), Überholen, zurückfallen lassen, Kopf heben/senken…

Anstatt in dieser Phase Kraft zu sparen war meine vorher durchgeplante Renneinteilung mit Julian völlig aus dem Ruder gelaufen. Beim nächsten Berg war die Gruppe weg und meine Beine leer. Ab dann war es nur noch ätzend und einsam. Zusätzlich konnte ich auf meinem Computer zusehen, wie meine Durchschnittswerte immer schlechter wurden.

Ich war einfach nur noch froh vom Rad endlich abzusteigen, hab dann aber meinen blöden Beutel, wo die Laufschuhe drin waren nicht gefunden. Zum Glück war ich trotz der verlorenen Minuten noch so weit vorne, dass ein Helfer zur Stelle war. Er begleitete mich ins Wechselzelt, reichte mir meine Laufschuhe und kümmerte sich um meinen Helm, den ich einfach irgendwo liegen gelassen hätte, wollte ich doch einfach nur schnell raus auf die Laufstrecke, wie ein Stier, der in die Arena stürmt.

42 km Laufen

Wild entschlossen schoss ich aus der Wechselzone und sah direkt meinen Papa. Und los geht‘s !

Die nächsten KM war ich richtig flott unterwegs als würde ich über den Asphalt fliegen. Die Flugstunde hielt leider nicht mal eine Stunde 🙂 Bei KM 10 spürte ich wie meine Beine müde wurden. Jetzt begann das Pokerspiel. Halte ich das Tempo, um in die Qualiplätze zu laufen oder bremse ich mich, um überhaupt anzukommen. Tatsächlich fehlte mir genau hier die Erfahrung im Marathon, so dass ich mich für die konservative Methode entschied. Hawaii lag jetzt nicht mehr in meiner Hand. Ein verletzendes Gefühl. Vermutlich deshalb verletzend, weil ich es nicht kenne, ein Ziel – nein, das Ziel – aus eigener Kraft nicht erreichen zu können.

Ich lief trotzdem weiter, immer weiter. Ich wollte nicht, dass dieses Gefühl gegen mich gewinnt. Ich konkurrierte fortan nicht mehr mit den Top 10 sondern, mit diesem Gefühl. Aus irgendeinem Grund macht mich das jetzt im Nachhinein viel stolzer als das Ergebnis. Diesem verletzenden Gefühl nicht nachzugeben, stattdessen weiter zu laufen, 10 € auf dem Boden zu finden, umzudrehen um sie einzusammeln, die Salztabletten, die Flo mir unauffällig zusteckte samt Tape einfach runter zu schlucken, zu wissen, dass meine engsten Freunde und Verwandten entlang der Strecke zu mir hielten und alle anderen von zu Hause aus mitfieberten all das trieb mich immer weiter an. Einfach nur Wahnsinn.

Und jetzt?

Wer bis hierhin mitgelesen hat, war entweder dabei oder möchte wissen wie es weitergeht 😉

Mein Plan war es auf Hawaii meinen letzten Triathlon zu absolvieren. Diesen Plan konnte ich nicht erfüllen und ja, es kitzelt enorm, nächstes Jahr nochmal anzugreifen. Die Frage ist aber, was ich mir damit noch beweisen möchte und v.a. um welchen Preis? Ganz abgesehen von dem hohen Verschleiß meines Körpers geht einfach viel Zeit dafür drauf. Es wird Zeit für neue Herausforderungen. Damit mir der Absprung gelingt, brauche ich also ein neues Projekt, das ich in den nächsten Wochen verkünden werde. Die Reise geht auf jeden Fall weiter 😉

Fest steht für mich, dass ich dem Sport treu bleiben werde, alleine schon wegen meiner Nebentätigkeit als Sportpsychologe, die mir besonders in diesem Sport riesen Spaß macht aber auch wegen der geilen Community, die immer weiter wächst.

Jetzt heißt es die Saison nochmal richtig Gas zu geben und dann mit Beginn der Wies‘n meine aktive Laufbahn als Triathlet zu beenden.

Dafür brauch es nur noch etwas Mut, das auch durch zuziehen. Da in diesem Ironman aber einfach alles dabei war, was man sich an Höhen und Tiefen nur vorstellen kann, verabschiede ich mich mit T. Fontane:

Zwischen Hochmut und Demut steht ein drittes,
dem das Leben gehört, und das ist der Mut

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